Was ist uns wichtig?

Auf die Frage, was uns wichtig ist, finden wir in der Regel eine schnelle Antwort. Auch was uns wirklich wichtig ist, wissen wir noch ziemlich genau.

Wenn wir aber gefragt werden, was uns wirklich wirklich wichtig ist, wird unser erster Impuls sein, dass ein „wirklich“ zu viel in der Frage steckt.

Diese Frage basiert auf der konkreterer formulierten Frage, nach dem, was wir wirklich wirklich tun wollen, die aus der Philosophie der Neuen Arbeit Prof. Frithjof Bergmanns stammt. Das zweite „wirklich“ ist also kein Tippfehler, sondern Absicht. Und es verleiht der Frage eine Tiefe, die sie gar nicht so leicht zu beantworten macht.

Selbstunkenntnis

Aber warum ist diese Frage so schwierig zu beantworten, wenn man ihre Tiefe erstmal verstanden hat?

Prof. Frithjof Bergmann führt das auf die „Selbstunkenntnis“ zurück; eine Wortschöpfung, die seinem Empfinden nach diesen Sachverhalt am besten beschreibt. Selbstunkenntnis lässt sich als Mangel an Verständnis für die eigenen echten Wünsche und Bedürfnisse und, daraus resultierend, geringer oder nicht vorhandener Zielsetzungsfähigkeit beschreiben.

Wenn wir unsere echten Wünsche und Bedürfnisse nicht kennen, haben wir nichts, wonach wir streben und können also auch nicht wissen, was uns wirklich wirklich wichtig ist.

Warum ist das überhaupt wichtig?

Bevor wir ergründen, woher die Selbstunkenntnis resultieren könnte, möchte ich kurz darauf eingehen, warum es interessant ist, die Unterscheidung zwischen „wichtig“ und „wirklich wirklich wichtig“ zu machen.

Während uns intuitiv klar ist, was uns wichtig ist, ist der Weg zum Verständnis dessen, was uns wirklich wirklich wichtig ist, einer, den wir nur mit vollem Bewusstsein gehen können. In der Regel ist es so, dass das, was uns wichtig ist, häufig Resultat unserer meist unreflektierten gesellschaftlichen und sozialen Prägung ist, wohingegen das, was uns wirklich wirklich wichtig ist, Ergebnis unserer ganz individuellen, bewusst empfundenen Wünsche und Bedürfnisse ist.

Nun kann es gut sein, dass es inhaltlich effektiv keinen Unterschied gibt zwischen dem, was uns wichtig ist, und dem, was uns wirklich wirklich wichtig ist. Wir haben jetzt aber ein echtes Bewusstsein für die Wichtigkeit, da wir sie auf Grundlage unserer Werte, Bedürfnisse und Wünsche reflektiert und für uns angenommen haben. In der Konsequenz sind wir in der Lage, dieser Wichtigkeit und der daran geknüpften Ziele bewusst und selbstwirksam zu folgen.

Was macht es uns so schwer?

Uns über unsere echten Wünsche und Bedürfnisse klar zu werden, erfordert eine ehrliche und tiefgehende Auseinandersetzung mit uns selbst. Dies erfordert die Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen und verletzlich zu sein.

Zeit ist in unserer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft ohnehin ein scheinbar unendlich knappes Gut. Schauen wir uns um, stellen wir fest, dass trotz (oder wegen) diverser lebenserleichternder Technologien, niemand Zeit zu haben scheint. Ständige Erreichbarkeit verlängert Arbeitstage potenziell auf 24 Stunden – haben wir uns das so vorgestellt? Und wenn wir gerade nicht arbeiten konsumieren wir; kaum eine Minute vergeht ohne Musik, Filme, Nachrichten oder sonst etwas. Wir sind also ständig beschäftigt und haben demnach sowieso keine Zeit, uns mit uns selbst auseinander zu setzen. Und das ist auch gut so, ist es doch so sehr viel einfacher.

Denn dass wir uns mit uns selbst beschäftigen, kostet nicht nur Zeit. Über den reinen Zeiteinsatz hinaus verunsichert uns dieser Prozess und macht uns verletzlich. Gegebenenfalls stellen wir fest, dass wir, gemessen an unseren Werten, Wünschen und Bedürfnissen, bisher etwas „falsch“ gemacht haben. Und natürlich ist es schwierig für uns, uns so etwas einzugestehen.

In unserem Alltag nehmen wir uns also weder die Zeit für eine Auseinandersetzung mit uns selbst, noch bringen wir die Bereitschaft dafür auf.

Die Chancen der Krise

In dieser Hinsicht bietet die aktuelle Krise in meinen Augen eine seltene Chance. Wir befinden uns in einer vollkommen anderen Situation verglichen mit unserem Alltag; zum einen ist das Leben etwas entschleunigt, zum anderen treffen wir zurzeit Entscheidungen sehr viel bewusster.

Wo die Chancen stecken

Gegebenenfalls hat sich unser Empfinden für bestimmte Aspekte unseres Lebens geändert. Bevor wir in den Supermarkt gehen und fix noch zwei drei Sachen besorgen, überlegen wir uns genau, was wir tatsächlich brauchen. Auch geplante größere Anschaffungen werden möglicherweise tiefergehend hinterfragt. Vor allem in Anbetracht der Umstände werden wir uns eher fragen „brauchen wir es wirklich?“, sprich, „ist es uns wirklich wirklich wichtig?“.

Auch bezüglich unserer Arbeit nehmen wir möglicherweise Empfindungen wahr, die wir sonst nur schwerlich einordnen können. Im Home Office merken wir vielleicht, dass uns unsere Arbeit als solche sehr viel Freude bereitet, wir sie tatsächlich gerne machen und also wirklich wirklich tun wollen. Das, was uns morgens mit Grauen an unseren Arbeitstag denken lässt, hat also möglicherweise andere Gründe, als die Arbeit. Vielleicht ist es das Umfeld, die Kollegen oder der Chef, der sonst im Stundentakt fragt, wie es aussieht.

In welchem Bereich auch immer, die gegebenen Umstände sind nicht zwingend nur lästig und einschränkend. Wenn wir uns die Zeit nehmen bieten sie auch die Gelegenheit, dass wir nachdenken und uns klar werden können, was uns wirklich wirklich wichtig ist. Wir haben jetzt gewissermaßen zwangsläufig die Chance, uns in unseren geschützten Raum zurück zu ziehen und verletzlich zu sein.

Am Ende haben wir vielleicht nicht nur die Krise überwunden, sondern auch ein tieferes Verständnis für unsere Bedürfnisse, Wünsche und Werte erlangt, mehr Bewusstsein für unseren Weg und vielleicht sogar eine Vision für unser Leben.

Wir haben die Chance auf eine nachhaltig positive Veränderung für unser bewusstes Leben.

Nutzen wir sie!

PS: Im Podcast „Sinneswandel“ von Marilena Berends geht es in der Folge mit Ali Mahlodji teilweise um eine ganz ähnliche Fragestellung und wie man an sie herangehen kann (auf Spotify oder als Apple Podcast). Sehr hörenswert!