Im Coaching erlebe ich es immer wieder: Viele wollen ihre Ziele gerne super konkret und messbar formulieren – SMART eben. Und was soll ich sagen, es ist absolut nachvollziehbar. Nicht nur, dass diese Art der Zielformulierung in unserer Gesellschaft relativ gängig ist. Nein, SMARTe Ziele haben die Eigenschaft sehr motivierend zu sein.

Es heißt schließlich auch:

„Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“

– Seneca –

Dennoch lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wann man welche Ziele wie formuliert. Denn nicht jedes Ziel eignet sich, dafür, SMART formuliert zu werden.

Coaching-Ziele und SMARTe Ziele – die Gemeinsamkeiten

Coaching-Ziele und SMARTe Ziele sind sich gar nicht so verschieden. Schauen wir mal genauer hin.

Coaching-Ziele und ihre Kriterien

Im Coaching werden sieben Kriterien – mal mehr, mal weniger – verwendet, um Ziele zu formulieren. Sinn dieser Kriterien ist es, das Ziel für die Klientinnen einerseits so griffig wie möglich zu machen und andererseits, eine starke, emotionale Bindung an das Ziel zu etablieren.

Die Kriterien für Coaching-Ziele sind:

  • Positiv formuliert: es geht nicht darum, was man nicht (mehr) will, sondern darum, was man will
  • Relevant: die Erreichung des Ziels sollte wichtig sein
  • Attraktiv: die Erreichung des Ziels sollte darüber hinaus auch attraktiv sein
  • Greifbare zeitliche Dimension: wann konkret oder innerhalb welchen Zeitraums
  • Das Ziel sollte so konkret wie möglich und nötig formuliert sein: so, dass absolut klar ist, was erreicht werden soll
  • Selbstinduzierbar: die Zielerreichung sollte weitestgehend in der eigenen Hand liegen
  • Realisierbar: das Ziel sollte auch tatsächlich erreicht werden können
  • Vereinbarkeit mit dem Kontext: eine Überprüfung, ob und inwieweit das Ziel mit der Lebensrealität vereinbar ist

Um mal ein Anti-Beispiel zu geben: „Irgendwann, sobald kein Fleisch mehr produziert wird, wird der größte Fleischliebhaber aller Zeiten, kein Fleisch mehr essen.“

Dieses Ziel ist weder positiv formuliert, noch konkret, noch zeitlich greifbar, noch selbstinduzierbar, noch relevant oder attraktiv und auch nicht realisierbar.

Richtig formuliert können solche Ziele eine überraschend starke Wirkung auf die Motivation und das Energielevel haben. Das sieht man den Klient:innen dann in der Regel auch deutlich an.

Und SMARTe Ziele?

SMART ist ein Akronym und kodiert die Zielkriterien SMARTer Ziele in englischer Sprache:

  • S: Spezifisch (specific): eindeutig definiert
  • M: messbar (measureable): versteht sich von selbst
  • A: erreichbar (achievable): auch ansprechend bzw. erstrebenswert
  • R: angemessen (reasonable): möglich und realisierbar
  • T: terminiert (time-bound): mit einem fixen Datum festgelegt

Vergleichen wir die SMART-Kriterien mit den Coaching-Zielkriterien stellen wir fest, dass wir alle Aspekte wiederfinden. Ein Coaching-Ziel ist also in der Regel SMART.

Aber…

Wann es sinnvoll ist, nicht so smart zu sein

In meiner Arbeit mit meinen Klient:innen werden die Ziele in der Regel – nein, eigentlich immer – groß und regelrecht lebensphilosophisch.

Worum geht es im Leben?

Was sind meine Werte? Was sind meine Bedürfnisse? Und wie will ich sie ausleben?

Was ist das tieferliegende Ziel in meinem Leben, mein Lebensziel, der Sinn meines Lebens? Ist es an konkreten Ereignissen oder Ergebnissen festzumachen? Oder ist das, worum es mir geht, eigentlich eher ein Gefühl?

Letztendlich geht es immer darum, ein „gutes“, „glückliches“, „zufriedenes“ oder „erfülltes“ Leben zu führen – was auch immer das für jede:n Einzelne:n bedeuten mag.

Nun lassen sich Gefühle aber nicht coachen, sondern höchstens das, was die Gefühle hervorruft. Und hier wird es dann „tricky“. Denn das, was jemanden glücklich macht, kann sich verändern.

Alles verändert sich, und das auch noch ständig – wir uns auch. Und so können sich Bedürfnisse verändern, z.B. weil man ein Kind bekommen hat, oder unsere Werte sich verändern, z.B. weil wir als Generation jetzt das erste Mal in einer unangenehm greifbaren Art und Weise mit Krieg konfrontiert werden.

Natürlich werden solche Veränderungen einen Einfluss darauf haben, was jede:r Einzelne unter einem „gutem“ Leben versteht. Wenn dann das Lebensziel auch noch SMART formuliert ist – und man, ungeachtet der sich ändernden Rahmenbedingungen, daran festhält – sind Druck und Enttäuschung vorprogrammiert.

Da es bei Lebenszielen meist eher um weiche Faktoren geht, wie Gefühle, ist es naheliegend, sie auch entsprechend weicher zu formulieren.

Wann welche Zielformulierung Sinn ergibt

Vorweg: Beide Zieltypen sind wertvoll!

Wichtig und entscheidend ist es, wann und wie sie eingesetzt werden. Ich habe festgestellt, dass hierbei die zeitliche Ebene der griffigste Faktor ist – je kürzer der zeitliche Horizont, desto SMARTer kann das Ziel sein.

Aber ich hole da gerne nochmal aus.

Lebensziele – KEIN Fähnchen im Wind

Meiner Meinung nach sollten Lebensziele weich formuliert sein. Alles andere hätte das Potenzial, unnötigen Druck aufzubauen, dem man schlimmstenfalls nicht Stand halten kann.

Lebensziele orientieren sich an den eigenen Bedürfnissen und Werten und können (und sollten) daher immer mal wieder hinterfragt und gegebenenfalls verändert werden.

Kleiner Exkurs, aber unglaublich wichtig:

In der Kenntnis und dem Verständnis der eigenen Bedürfnisse und Werte liegt ein starkes Fundament, das die Grundlage für eine der wichtigsten Fähigkeiten im Leben ist: Entscheidungskompetenz

Wenn ich meine Bedürfnisse und Werte wirklich kenne und verstehe – also wenn ich mich wirklich kenne – dann habe ich alles, was ich brauche, um für mich solide und belastbare Entscheidungen zu treffen und diese auch selbstbewusst zu vertreten.

Exkurs Ende

Es geht beim Lebensziel gar nicht darum, dass man es erreicht, sondern vielmehr darum, einen Anhaltspunkt zu haben, der die Richtung vorgibt. Und durch den ehrlichen Abgleich mit den Bedürfnissen und Werten fühlt sich das Leben auch unterwegs schon absolut stimmig an.

Getreu dem Motto: „Der Weg ist das Ziel“ – Konfuzius –

Und wenn der Weg das Ziel ist, kann es effektiv nicht SMART formuliert sein oder die Kriterien für Coaching-Ziele erfüllen.

SMARTe Ziele und ihr Wert

Und dennoch haben SMARTe Ziele einen unglaublichen Wert und sind extrem sinnvoll – und zwar immer dann, wenn es um den nächsten Handlungsschritt geht. Denn selbst wenn das große übergeordnete Ziel nicht konkret benannt werden kann, solange es eine ungefähre Vorstellung davon gibt, wohin die Reise gehen soll, kann ein nächster Schritt in eben diese Richtung festgelegt werden.

Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen. Ich habe ein großes Lebensziel, ich weiß, was ich damit erreichen will und vor allem bin ich davon überzeugt, dass meine Vision gesellschaftlich und ökologisch sehr wertvoll ist. Und dennoch habe ich es lange nicht geschafft, die Energie und Motivation auf die Straße zu bringen, die ich verspürte, wenn ich mich mit meinem Lebensziel beschäftige.

Noch ärgerlicher war das, weil ich gemerkt habe, wie motiviert ich mit meinen Kumpels beim Zocken bin. Wir spielen gemeinsam ein Online-Rollenspiel und es vergehen locker mehrere Stunden, wenn wir einmal anfangen.

Ich habe mich gefragt, warum ich es schaffe, Stunde um Stunde in einer relativ sinnlosen Tätigkeit aufzugehen, es aber nicht auf die Reihe bekomme, die gleiche Motivation in meine Vision zu stecken.

Was ist der Unterschied?

Nach vielem Nachdenken und dem Impuls einer sehr guten Freundin bin ich dann drauf gekommen:

Beim Zocken sind die nächsten Schritte immer glasklar: In die Stadt gehen, mit dem Typen quatschen. In die Höhle gehen und den Goblin killen. …

Man muss nicht drüber nachdenken, was als nächstes ansteht. Das übergeordnete Ziel ist klar und die nächsten Schritte sind immer SMART formuliert.

SMARTe Ziele helfen also dabei, die Motivation und Energie für etwas großes auch wirklich in sinnvolle Handlungen umzusetzen.

Fazit: Die Mischung macht’s

Beide Arten von Zieltypen haben also ihren Platz. Lebensziele dürfen weich formuliert sein, sollten sich dabei immer an den Bedürfnissen und Werten orientieren und können sich ändern. SMARTe Ziele eignen sich, um kurzfristig die Motivation zu erhalten oder sogar zu steigern.

In Summe geht es aber immer darum, offen zu bleiben, zu reflektieren und zu erkennen, in welche Richtung das Leben laufen soll und wer man sein möchte. Daran angeknüpft ist es dann wertvoll, konkrete Meilensteine zu formulieren und ihnen zu folgen.

All diese Gedanken habe ich für mich in eine Strategie gegossen, mit der ich regelmäßig arbeite, um meine Motivation hoch zu halten und bewusst mein Leben zu gestalten. Dazu habe ich auch ein Video erstellt. Falls du Interesse daran hast, schreibe mir eine Nachricht. Ich teile meine Strategie gerne.

„Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“

– Laotse –

„Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht noch immer geschwinder, als jener, der ohne Ziel umherirrt.“

– Gotthold Ephraim Lessing –

Gedanken dazu? Teile sie mit mir. Ich freue mich immer über Kommentare, E-Mails und was nicht alles.

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