Finanzielle Sicherheit ist ein hohes Gut und effektiv von jeder Person angestrebt. Allerdings wird dieses Thema oft nur einseitig betrachtet – nämlich von der finanziellen Seite aus. Was in der Regel unbeachtet bleibt, ist das, was den Wunsch nach finanzieller Sicherheit in uns auslöst, Angst, Befürchtungen, Sorgen. Um diesen wertvollen Teil geht es in diesem Beitrag.

Wann ist man finanziell erfolgreich?

Finanzieller Erfolg scheint, wenn man sich so umschaut, viele Facetten zu haben. Für manche bedeutet es, sich Haus und Auto kaufen zu können, für andere bedeutet es, ihr Kapital stetig zu vermehren, für wieder andere ist es hingegen etwas unspezifischer – sie wollen Freiheit.

Alle sind sich aber vermutlich einig, dass die Mindestanforderung an den finanziellen Erfolg das Gefühl von finanzieller Sicherheit ist – und ich schreibe hier bewusst „Gefühl von“, denn mehr als das kann es nie sein.

Nun ist es aber leider so, dass die Art, wie die meisten Menschen über Geld denken, wenig zu diesem Gefühl von Sicherheit beiträgt. Denn vom Geld her denkend, werden Lösungen angeboten, ohne das Problem verstanden zu haben. Um uns wirklich sicher zu fühlen, müssten wir aber zuerst verstehen, was uns verunsichert – und in dem Zusammenhang auch, wovor uns Geld letztlich bewahren soll.

Furcht, Angst und Spinnen

Wir müssen also verstehen, wovor wir uns fürchten, Angst haben, was uns sorgt; was es also konkret ist, was wir vermeiden wollen, wenn wir etwas nutzen wollen, um es zu vermeiden.

Nehmen wir zum Beispiel Spinnen. Wenn ich Angst vor Spinnen habe, aber unbedingt einen Urlaub in Australien machen möchte, dann passt das irgendwie nicht wirklich gut zusammen (einige der gefährlichsten Spinnen der Welt sind in Australien beheimatet). Nun kann ich natürlich einige sehr konkrete Maßnahmen ergreifen, die meine Angst vermutlich sogar etwas lindern werden und mich meine Reise mit einem gewissen Vertrauen antreten lassen.

Ungeklärt bleibt dabei aber, wovor ich mich genau fürchte. Fürchte ich mich vor der Spinne als solche? Oder davor, gebissen zu werden? Oder davor, dass sie mir ihre Eier in den Gehörgang legt, während ich schlafe (sorry, … das kribbelt jetzt selbst bei mir im Ohr …).

Unsere Gehirne sind Vorhersagemaschinen

Wir können uns ein Thema vornehmen und es beliebig in die Zukunft sinnieren. Zum Beispiel finanzielle Freiheit und was wir uns nur alles Gutes tun könnten, wenn wir uns nicht mehr darum kümmern müssen, Geld zu verdienen. Herrlich…!

Leider funktioniert das auch in die entgegengesetzte Richtung… Und es gab Zeiten, in denen war das sehr sinnvoll und überlebensnotwendig.

Wir sehen einen Säbelzahntiger und laufen voller Furcht weg. Für den Fall, dass wir das geschafft haben, werden wir von nun an immer voller Angst sein, wenn wir an diese Stelle zurückkehren. Absolut nachvollziehbar.

Hierbei ist der Unterschied zwischen Angst und Furcht entscheidend. Furcht ist konkret, wir können benennen, wovor wir uns fürchten (der Säbelzahntiger, der seine Zähne in mein Bein rammt oder die Spinne, die mir auf der Nase sitzt wenn ich aufwache). Furcht ist gewissermaßen situativ.

Angst hingegen ist eher unkonkret. Es gibt zwar eine Ursache (die Erinnerung an die Begegnung mit dem Säbelzahntiger oder die bloße Vorstellung an eine Spinne), aber solange diese Bedingung nicht erfüllt ist, ist die Angst erstmal ungerichtet und unkonkret.

Und nun stellen wir uns vor, wir laufen durch die Welt, immer in Angst, dass hinter der nächsten Ecke ein Säbelzahntiger sitzt. Wir sind fortwährend in Alarmbereitschaft; die Angst verhindert, dass wir uns entspannen können.

Übertragen wir das jetzt endlich auf finanzielle Sicherheit?!

Liebend gern.

Stellen wir uns vor, wir hätten nicht „genug“ Geld und haben Angst. Diese Angst ist nicht das Resultat davon, dass wir nicht genug Geld hätten, sondern es geht vielmehr darum, welche Konsequenzen daraus entstehen. Es sind die schmerzlichen Vorstellungen, nicht mehr Essen gehen zu können. Oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu müssen, statt mit dem eigenen Auto. Nur einmal im Jahr in den Urlaub fliegen zu können. Oder eben nicht zu wissen, wie man überhaupt Essen auf den Tisch bringen und die nächste Miete zahlen soll. All das sind konkrete Befürchtungen, die die Angst verursachen.

Nun ist die Frage, inwieweit diese Angst tatsächlich berechtigt ist. Sind wir diesen „Säbelzahntigern“ denn wirklich schonmal über den Weg gelaufen und können wirklich einschätzen, dass ein Wiedersehen tunlichst zu vermeiden ist?

Falls ja, war es wirklich so schlimm? Wie ist man mit der Situation umgegangen? Wie hat man sich gefühlt? Was hat man unternommen, um die Situation zu ändern?

Falls nein, was steckt dann dahinter? Vielleicht geht es weniger um die vordergründige Befürchtung und eher um etwas, das dahinter steckt, beispielsweise Statusdenken?

Und schon sind wir mitten drin im Kaninchenbau der Selbsterkenntnis.

Von der Angst zur Sicherheit – Geld hilft dabei selten

Denn es geht nicht darum, Lebensentwürfe in Frage zu stellen, sondern darum, sich und die eigenen Ängste kennenzulernen, darum, dieses Wissen zu nutzen, um schließlich ein entspannteres, leichteres und sorgenfreieres Leben zu führen. Je besser wir unsere Angst und was dahinter steckt verstehen, desto gezielter können wir Maßnahmen ergreifen.

Unglücklicherweise ist es aber ausgerechnet Geld, das uns besser als kaum ein anderes Medium von dem Prozess der Selbsterkenntnis ablenkt – in zweierlei Hinsicht.

Denn zum Einen macht es aus den meist unverstandenen Ängsten (bspw. Verlust von Prestige oder Anerkennung, fehlende Verbundenheit oder Sinnhaftigkeit, …) konkrete mit Geld lösbare Befürchtungen (Öffis statt eigenes Auto oder das Gefühl, festzustecken, nicht weiter zu kommen oder sich leer zu fühlen, obwohl man schon alles probiert hat (hier wunderschön ausgeführt)). Der Kern des Problems bleibt damit aber meistens im Verborgenen.

Zum Anderen ist die  vermeintliche Lösung für solche Probleme – mehr Geld – so schön einfach und griffbereit – ohne sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen – Win!

„Sorgst du dich um irgendetwas?“

„Ja …“

„Müssen Geldsorgen sein!“

„Brauchst du eine Lösung?“

„Komm zu mehr Geld!“

„Schwierig?“

„Vielleicht!“

„Ohne klare Richtung?“

„Nein!“

Manchmal ist dieser Ansatz genau der richtige und funktioniert tadellos.

Meistens jedoch funktioniert es nicht. Stattdessen fallen wir dem Straßenlampeneffekt zum Opfer. Statt dort zu suchen, wo die wirkliche Lösung ist (bei bzw. in uns) schauen wir dort, wo es eine vermeintlich einfache Lösung gibt.

Aber warum ist das so?

Wir glauben, dass Geld uns unsere Ängste nehmen kann – und wir happy ever after leben können; glücklich, zufrieden, in der Komfortzone, und die finanzielle Sicherheit fehlt natürlich auch nicht.

Aber das funktioniert nicht! Ängste – ganz grundsätzlich – gehören zu unserer Existenz; sie können nicht ausgelöscht werden, weder mit Geld, noch mit irgendetwas anderem.

„Angst ist das schmerzliche Gefühl, nicht in der Lage zu sein, mit der von einer bestimmten Situation ausgehenden Gefahr umzugehen.“

Paul Tillich in dem Buch „Der Mut zum Sein” (einige Begriffserklärungen hier)

Wir werden uns nicht jeder erdenklichen Situation entziehen können, die in irgendeiner Form in unseren Augen eine Gefahr darstellt. Es hilft, sich dieser Tatsache klar zu sein. Später mehr dazu.

Und jetzt nochmal der Bogen zur finanziellen Sicherheit

Zum Thema finanzielle Ängste bzw. finanzielle Sicherheit kommt ein sehr interessanter Gedanke von Thomas Morus in Utopia:

„In dem Moment, in dem Geld verschwindet, werden auch Furcht, Angst, Sorge und schlaflose Nächte verschwinden.“

Unser gesellschaftlich geprägtes Denken schreit sofort „Aber!“ und das ist nachvollziehbar – die Aussage ist schon ziemlich polemisch. Aber philosophisch betrachtet und ganz grundsätzlich gedacht ergibt das (zumindest für mich) Sinn.

Aussagen wie:

  • „Du musst für dein Alter vorsorgen!“
  • „In dem Job verdienst du doch viel zu wenig (, um …).“
  • „Wer soll das alles bezahlen?!“

… und dergleichen verlieren sofort an Schrecken, weil das Vehikel, das diese Ängste schürt, nicht mehr vorhanden ist. Die Sorge um die Gestaltung einer Zukunft, von der wir übrigens ohnehin nicht wissen, wie sie aussehen wird, verschwindet.

Damit wird auch klar, dass Existenzangst in unserer Zeit häufig an Geld geknüpft zu sein scheint. Welch dramatische Folgen das haben kann zeigen der Crash der Kryptowährung Terra und das damit verbunden Beben am Kryptomarkt im Mai 2022 – und die daraus resultierenden menschlichen Tragödien

Zeit für ein Fazit

Okay, also Geld ist da (und wird es bleiben) und Ängste sind da, was also tun?

Wenn Ängste wie Löwenzahn sind und sie immer wieder kommen, egal, was man gegen sie tut, erscheint es ziemlich mühsam, wenn nicht sogar aussichtslos, tonnenweise Zeit und Geld darauf zu ver(sch)wenden, einen Kampf zu kämpfen, den man nicht gewinnen kann. Oder?

Darum: Wenn man es nicht los wird, sei cool damit.

Die Voraussetzungen dafür: Mut, Charakter, Willen und Entscheidungskompetenz.

Um sich seiner Furcht (so man sie denn kennt) zu stellen, braucht man Mut. Mut erfordert Charakter. Für den wiederum braucht es die Bereitschaft, sich selbst kennenzulernen und den Willen, dafür einzustehen. Und schließlich braucht es auch die Kompetenz, Entscheidungen in diesem Sinne zu treffen.

Externe (geldgetriebene, scheinbare) finanzielle Sicherheit ist ein schlechter Ersatz für Selbst(er)kenntnis und Entscheidungskompetenz.

Aber, und das möchte ich unterstreichen, es geht hier nicht um ein Entweder-oder, sondern vielmehr um die Reihenfolge (genauso, wie es bei den Bedürfnissen ist). Beides hat seinen Wert und beide Aspekte ergänzen sich gegenseitig sehr gut.

Wichtig ist, sich zunächst mit sich selbst auseinanderzusetzen, bevor man sich auf einen harten und z.T. entbehrungsreichen äußeren Weg begibt, der ohne die nötige Selbstkenntnis eh nicht funktioniert.

Der innere Weg über Selbsterkenntnis und die Entwicklung von Entscheidungskompetenz ist effektiv und im Grunde der einzige, der wirklich zum Ziel führt.

Zum Mitnehmen

Darum zum Abschluss auch noch etwas an die Hand, um den Umgang mit Ängsten und den Prozess der Selbererkenntnis etwas zu erleichtern:

Wenn wir mit unserer Angst umgehen wollen, sollten wir sie nicht ignorieren, beiseiteschieben oder klein reden. Stattdessen sollten wir:

  1. Herausfinden, welcher innere Anteil in uns diese Angst verspürt. Der innere Kritiker, das innere Kind, …?
  2. Herausfinden, wovor dieser Anteil konkret Angst hat.
  3. Diesen Anteil fragen, was er möchte bzw. braucht, um sich besser zu fühlen; gewissermaßen, worum es ihm geht.

Aus „Ich habe Angst, dass ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muss.“ kann „Ich wünsche mir die Flexibilität des eigenen Autos.“ werden, oder aus „Ich habe Angst, dass meine Familie und ich aus der Wohnung fliegen.“ wird „Ich möchte für meine Familie und mich ein schönes Heim.“

Beide Aussagen können natürlich stimmen, aber die Qualitäten unterscheiden sich deutlich, denn die zweite Aussage ist aktivierender und ermöglicht ein Vorwärtskommen.

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.”

Benjamin Franklin